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Gestern Meer, heute Land - der Deltavorbau des Mäanders und seine Ursachen

Prof. Dr. H. Brückner, Dr. M. Müllenhoff
Philipps-Universität, Marburg (Lahn)

Laufzeit: 1999-2004

 

Die Mündungsebene des Büyük Menderes (Mäander), an der türkischen Ägäisküste ca. 100 km südlich von Izmir gelegen, war in historischer Zeit von der Meeresbucht des Latmischen Golfes ausgefüllt, die im Zuge der holozänen Transgression des Meeres entstand. Die geoökologische Labilität des mediterranen Naturraumes hinsichtlich der Faktoren Klima, Gestein und Boden einerseits, aber auch die gravierende und langandauernde Humaninfluenz anderseits haben in der Folgezeit jedoch zu einem dramatischen Landschaftswandel geführt: Verstärkte Bodenerosion im Hinterland und daraus resultierender Deltavorbau des Flusses ließen die Bucht im Laufe der Jahrtausende allmählich verlanden.

Ziel der im Rahmen des von der DFG finanziell unterstützten Projektes „Geoarchäologische, sedimentologische und morphodynamische Untersuchungen im Mündungsgebiet des Großen Mäanders, Westtürkei“ erfolgten geoarchäologischen Forschungen war es, das Deltawachstum des Büyük Menderes und die damit verbundenen Veränderungen der Küstenlinie im Raum und Zeit zu rekonstruieren. Bisherige Publikationen zur Paläogeographie der Region stützten sich fast ausschließlich auf Literaturauswertungen; geologische Evidenz mittels datierter Bohrsequenzen fehlte. Zwischen 1998 und 2003 wurden daher in der Fluss- und Deltaebene weit über 100 Bohrungen abgeteuft, deren stratigraphische Interpretation die Landschaftsgeschichte der Region in den letzten Jahrtausenden dokumentieren.

Rammkernsondierungen sind der Schlüssel zur Erforschung der Landschaftsentwicklung und des Vegetationswandels. Die Borhkerne wurden im Labor sedimentologisch, petrographisch und paläoökologisch untersucht. Aus dem reichen methodischen Spekrtum der Geowissenschaften standen zur Beantwortung der bis dato völlig offenen Fragen zur Landschaftsentwicklung ferner zur Verfügung:

  • faunistische Analyse (speziell Ostracoden zur Bestimmung des Paläomilieus: marin, lagunär, limnisch oder fluvial)
  • Pollenanalyse (zur Rekonstruktion des Vegetationswandels)
  • geophysikalische Arbeitsverfahren (zur flächenhaften Erkundung des Untergrundes)

Datierungen mittels C-14-Analyse und Keramikbestimmung ermöglichten die chronostratigraphische Einordnung der verschiedenen Profile. Die einzelnen Bohrungen wurden anschließend zu zusammenhängenden Profilsequenzen synthetisiert. Mittels differenzieller GPS-Messung gewonnene Höhendaten erlaubten eine zentimetergenaue Parallelisierung der verschiedenen Profile.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Deltavorbau des Mäanders zunächst im Zentrum und an der nordwestlichen Flanke des Büyük Menderes-Grabens erfolgte. Das Areal nordwestlich der ehemaligen Insel Hybanda wurde bereits um 1500 v. Chr., das hellenistische Priene im 8. Jahrhundert v. Chr. von der Deltafront erreicht. Die antike Stadt Myous lag dagegen noch in spätklassisch- hellenistischer Zeit am offenen Meer. Ursache dieses asymmetrischen Deltawachstums war die Aufspaltung des Mäanders in einen nördlichen und einen südlichen Mündungsarm. Mindestens bis in die hellenistisch-römische Zeit war der nördliche Arm der aktivere. Nach der Abschnürung Prienes vom offenen Meer wandte er sich nach Süden und erreichte das Gebiet von Milet in der römischen Kaiserzeit. Der dadurch vom offenen Meer abgeschnürte „Milesische See“ nahm einen Großteil des südlichen Latmischen Golfs ein. Erst in byzantinischer Zeit wurde er von den Ablagerungen des Südarms weitgehend aufgefüllt und verlor seine Verbindung zum Meer. Heute lebt er im noch immer brackischen Bafasee weiter.

Datierte Torfe an der Nord- und Südflanke des Mäander-Grabens und litorale Sedimente aus dem Raum Milet bilden zudem die Basis für die Erstellung der Kurve des postglazialen Meeresspiegelanstiegs im Latmischen Golf. Ihr liegt weiterhin die in der Literatur postulierte generelle holozäne Senkungsrate der türkischen Ägäisküste von 0,7 m/1000 J. zugrunde. Zwischen 3000 und 2000 v. Chr. erreichte sie ein erstes Maximum im heutigen Niveau. Anschließend erfolgte bis ca. 1000 v. Chr. eine leichte Regression um 1 m, die dann von einem kontinuierlichen Anstieg abgelöst wurde. 

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